Mögliche Auswirkungen geistlichen Missbrauchs

Mögliche Auswirkungen geistlichen Missbrauchs

© Ulrike Bär-Streich, September 2012

Einführung

Man kann keinen Menschen aus einer missbräuchlichen Gemeinschaft "herausholen". Die Motivation muss vom Betroffenen selbst kommen. Persönliche Krisen, Schicksalsschläge, auch Depressionen oder körperliche Beschwerden können dabei Anstoß zum Nachdenken geben.

Das Leben eines jeden Menschen hält Höhen und Tiefen bereit. Es ist angesichts dieser Tatsache notwendig, selbstbestimmt Handelnder sein zu können und nicht von anderen Menschen oder gar einer Institution bestimmt zu werden oder davon abhängig zu sein.
Viele, ehemals abhängige Menschen haben erkannt, wie bereichernd und schön die Freiheit in Selbstbestimmung sein kann, auch wenn selbstverständlich damit eine sehr große Eigenverantwortung verbunden ist. Mit Eigenverantwortung umzugehen muss jeder Mensch in seiner Entwicklung lernen, eine große Herausforderung, die jedoch für die Entfaltung der eigenen Persönlichkeit unabdingbar ist und sich immer lohnt.

Gerade das Aktiv- Werden  ist für ein ehemaliges Mitglied einer missbräuchlichen Gemeinschaft schon ein erster wichtiger und gleichzeitig schwieriger Schritt auf dem Weg hin zur Selbstbestimmung. Ehemals abhängige Menschen, die von ihren geistlichen Leitern oder einer bestimmten Institution abhängig sind, sind bedingungslose "Nachfolge" und „Gehorsam“ gewohnt. Das ist vom jeweiligen System her so gewollt, da hierdurch die Entschlusskraft und Handlungsfähigkeit des Menschen eingeschränkt bis unterdrückt werden kann. Die dadurch bewirkte "erlernte Hilflosigkeit" und damit Abhängigkeit gilt es zu überwinden, um das eigene Leben gestaltend in die Hand nehmen zu können.

Ein weiterer Schritt ist die Entdeckung und Aufarbeitung der konkreten Folgen, die aus der Mitgliedschaft in einer solchen Gemeinschaft oft unbemerkt entstanden sind. Dies gelingt aus meiner Sicht meist nur mit Hilfe eines Therapeuten, der sich intensiv mit dem Thema Geistlicher Missbrauch und Sektenausstieg beschäftigt hat und sich in dieser Thematik  auskennt. Nur so kann sich ein nachhaltiger Erfolg einstellen. Die erlernten Denk-, Gefühls- und Handlungsmuster beziehen sich allerdings leider nicht nur auf das religiöse Umfeld und die Gottesbeziehung, sondern reichen weit hinein in den Alltag der betroffenen Menschen und deren Familien. Aufklärung ohne deutliche Kritik und Benennung der schädigenden Mechanismen und Strukturen des jeweiligen Systems kann es daher nicht geben.

(Anmerkung: Sollte sich ein Amtsträger oder geistlicher Leiter neben dem geistlichen Missbrauch noch des  sexuellen Missbrauchs schuldig gemacht haben, ist dies offen zu benennen. Im Hinblick auf einen potentiellen zukünftigen Opferschutz innerhalb der Gruppe ist dies von großer Bedeutung. Eine erste Hilfe kann hierbei sein, sich im geschützten Rahmen eines vertraulichen Gesprächs, Fachleuten anzuvertrauen. Dies können Selbsthilfegruppen, ehrenamtliche Organisationen oder entsprechende Beratungsstellen von Diakonie und Caritas vor Ort sein oder weitere konfessionsungebundene psychologische Beratungsstellen sein. Stellvertretend für das Angebot einer ehrenamtlichen Hilfestellung in diesen Fragen sei die Selbsthilfe-Organisation LINDD e. V. genannt.

Folgen geistlichen Missbrauchs

Nebst vielen weiteren Aspekten  hier nur einige Punkte aus meiner eigenen therapeutischen Erfahrung:

Psychische Folgen

  • Erlernte Hilflosigkeit
  • Selbst-Unsicherheit
  • Übermäßige Angst vor Neuem
  • Angst vor ewiger Verdammnis
  • Negative Weltsicht
  • Mangelndes Zutrauen in die eigene Fähigkeiten und Kräfte
  • Kritikunfähigkeit
  • Mutlosigkeit
  • Keiner oder schwieriger Zugang zu eigenen Gefühlen
  • Permanenter hoher eigener Leistungsanspruch – Perfektionismus
  • Gedankenkreisen und Grübelzwang
  • Härte gegenüber sich selbst und andern
  • Schwarzweiß – Denken
  • Mangelnde Kommunikationsfähigkeit
  • Fehlendes soziales Umfeld außerhalb der Gruppe
  • Innere Einsamkeit
  • Angst und Panik vor Gottesstrafe
  • Krankheit wird als gottgewollte Strafe angesehen
  • Gefühl der Unfähigkeit jemals ein ganz normales Leben, wie die anderen Menschen leben zu können
  • Tiefe Sehnsucht nach den versäumten und nicht im eigenen Sinn gelebten Lebensjahren
  • Unerklärliche Trauer
  • Depressionen damit einhergehende Antriebslosigkeit oder auch Hyperaktivität und getrieben sein
  • Abspaltung von bestimmten Persönlichkeitsanteilen
  • Ideenarmut für die eigene Lebensgestaltung
  • Resignation
  • Haltlosigkeit
  • Angst vor dem Sterben entweder aus Angst vor eine möglichen Gottesstrafe oder auch wegen der Erkenntnis eines bisher versäumten Lebens
  • Verlust des „Gott“-Vertrauens und damit Verlust des Vertrauens in das Leben
  • Verlust der Fähigkeit einen spirituellen Weg zu gehen
  • Lebensangst
  • Verhaftung in der Opferrolle
  • Gefühl des für immer Abgetrennt-Seins von Gott
  • Kein Gefühl des „Bewahrt-Seins“
  • Verlust der Sinnfrage des Lebens
  • Unfähigkeit zur Freude über „natürliche“, nicht religiös bezogene Ereignisse
  • Suizidgefahr
  • Bei Kinder, nicht altersgemäße Ernsthaftigkeit

 

Körperliche Symptome

Körperliche Beschwerden als Folge der Schädigung durch das System sind leider nicht direkt beweisbar und haben ja meist auch multifaktorielle Ursachen. Deswegen wird geistlicher Missbrauch als möglicher Mitverursacher von körperlichen Beschwerden oft übersehen.

Natürlich sind die Schädigungen für denjenigen deutlich, der um den missbräuchlichen Hintergrund des Menschen weiß. Sie können aber leider nicht verallgemeinert oder an einer speziellen missbräuchlichen Handlung festgemacht werden. Man kann allenfalls von möglichen körperlichen Störungen sprechen, die auch im Zusammenhang mit der Mitgliedschaft in einer missbräuchlich agierenden Gemeinschaft oder auf Grund eines geistlichen Missbrauchs durch einen „geistlichen Leiter“ gesehen werden können. Konkrete Folgen können sein:

  • Unerklärliche, anhaltende Kopfschmerzen
  • Magen-Darm-Problem
  • Herzbeschwerden
  • Körperliche Verspannungen
  • Appetitverlust
  • Esssucht
  • Schlafstörungen
  • Ruhelosigkeit
  • Übergroße Selbstbeobachtung (Hypochondrie)
  • Neigung zur Selbstüberforderung (Burn-out)
  • Neigung zur Sucht (Alkohol, Drogen, Tabletten und Spielsucht)
  • Sexuelle Probleme

 

Zerstört Therapie den Glauben?

Vielleicht scheuen Sie sich bisher Hilfe zu suchen und anzunehmen, weil Sie vermuten, es würde Ihnen während des therapeutischen Prozesses Ihr Gottglaube weggenommen. Schließlich herrscht vielfach die Meinung, dass sich Psychologie und Glauben ausschließen. Sie sagen sich vielleicht: „Etwas braucht doch der Mensch, an dem er sich festhalten kann.“ Wo bleiben dann die Vorgaben, der Rahmen in dem man sich bewegen soll, wenn das alles wegfällt.“ All diese Gedanken sind sehr nachvollziehbar. Schließlich ist es die Liebe zu Gott und die Suche nach seiner Nähe, seiner Hilfe und seinem Trost, die einen Menschen einen religiös geprägten Weg gehen lassen, oft schon von Kindes Beinen an tief eingeprägt und verankert.

Auf der anderen Seite sind Sie durch verschiedene Ursachen in Ihrer bisherigen Glaubensgemeinschaft tief in Ihrer Seele verletzt worden. Ihr Wunsch nach spirituellem Erleben und spirituellen Erfahrungen ist von Menschen mit geistlichem Führungsanspruch missbraucht worden. Sie fühlen sich betrogen und alleine gelassen. Es ist schwer, sich nach solchen Erfahrungen einem anderen Menschen, einer Therapeutin, gegenüber neu zu öffnen. Die Angst vor erneuter Verletzung und Enttäuschung ist deswegen verständlicherweise groß.

Hinzu kommt vielleicht die Sorge, das bisherige soziale Umfeld könnte nach einer Lockerung oder Lösung vom Glaubenssystem zusammenbrechen. In vielen Fällen sind diese Bedenken durchaus berechtigt. Das ist unter anderem einer der Gründe, warum es so schwer ist, sich mit seinen eigenen Zweifeln und Fragen zu konfrontieren oder sich bei der Bearbeitung dieser Themen fremde Hilfe zu suchen. Die Furcht vor einer möglicherweise selbst gewählten Isolation ist groß. Dennoch ist es möglich, einen Weg zu finden der Klärung bringt und echte Beziehungen nicht gefährdet.

Menschen, die zu mir kommen und Hilfe und Begleitung wünschen, müssen keine Sorge haben, dass ich ihnen ihren Glauben wegnehmen oder ausreden möchte. Sie dürfen sicher sein, dass ich sie in ihren Fragen und Zweifeln ernst nehme und sie in ihren Nöten begleite. Gemeinsam werden behutsam die Verletzungen betrachtet und aufgearbeitet. Im weiteren Verlauf  können ganz persönlich Lösungsansätze gefunden werden, die individuell auf die jeweiligen Bedürfnisse zugeschnitten sein werden. Im Laufe dieses mutigen und wichtigen Prozesses der Betrachtung, der Würdigung, der zugelassenen Wut und des Betrauerns kann dann langsam Neues entstehen und erwachen. Hierzu gehören Hilfen für den Umgang mit der eigenen Biographie und Pläne für eine neue, in Freiheit und Eigenverantwortung gestaltete Lebensidee.

Im Laufe des Prozesses wird auch gemeinsam das bisherige Gottesbild betrachtet und geprüft, ob das noch zum aktuellen Denken und Fühlen passt. Das Aufbrechen der bisherigen Gottesvorstellung und die Öffnung hin zu einer neunen, selbst gewählten Gottesbeziehung wird so Teil des Findungsprozesses.

Therapeutische Begleitung bedeutet also immer die Betrachtung der Folgen aus dem geistlichem Missbrauch und deren Auflösung und die gleichzeitige Hinterfragung des bisherigen Glaubens und Glaubenssystems. Sie entscheiden, wie weit Sie in diesen Fragen vordringen wollen. Haben Sie also Mut und Vertrauen Sie in Ihre eigenen Fähigkeiten.

Weitere Informationen zum Thema Geistlicher Missbrauch finden Sie HIER.

 

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